Bauhaus in Tel Aviv ©meierei

Bauhaus in Tel Aviv - Weiß ist nicht gleich Weiß

Ein Gastbeitrag von Dorothee Maier, Dipl.-Ing. FH

Die Geschichte der ‹Weißen Stadt› in Tel Aviv ist in Architekturkreisen hinreichend bekannt und der traurige Grund, warum viele der Bauhaus-Schüler und -architekten emigrieren mussten auch. Aber die innovative und gleichzeitig sehr pragmatische Umsetzung des Bauhaus-Gedankens ist die positive Kehrseite der Medaille. Unvorstellbar für uns Europäer, die Bauhaus-Werke in Städten wie Stecknadeln im Heuhaufen suchen: In Tel Aviv liegen 4.000 dieser Perlen am Mittelmeerstrand, teilweise versteckt, oft verdreckt aber hochgeschätzt und staunend bewundert!

Ab den 1920er Jahren wurden nördlich des alten Hafens von Jaffa zwingend Wohnungen gebraucht, sehr viele Wohnungen für sehr viele neue Bürger innerhalb kurzer Zeit. Einwanderer wie Arieh Sharon, Zeev Rechter, Dov Karmi, Richard Kauffmann oder Genia Averbuch erfüllten die Lehren europäischer Avantgarde-Architekten mit gebauter Realität und errichteten in den folgenden Jahren viele der rund 4.000 Bauhaus-Gebäude, hinein in die sandige Dünenlandschaft am Stadtrand. Geprägt war dieser neue Lebensraum durch die Gedanken der modernen Architektur, wie sie Walter Gropius, Mies van der Rohe, Hannes Meyer, Erich Mendelsohn und Le Corbusier lehrten und vertraten.

Tel Aviv’s Gegebenheiten prägen die ‹Weiße Stadt›

Die örtlichen Zwänge des Klimas und des Untergrundes erforderten entsprechende Adaptionen, aber das Konzept ‹Form folgt der Funktion› erfüllte die gegeben Parameter an Kosten, Bauzeiten und Nutzungsqualität: Kein Mensch brauchte Schnörkel in der Wüste, da war Sachlichkeit gefragt. Temperaturen im Sommer von über 30 °C in Kombination mit sehr hoher Luftfeuchte erforderten hohe Räume und gut platzierte Fenster für Kühlung und Ventilation. Die horizontalen Streifenfenster Le Corbusiers erfüllten diese Ansprüche ideal. Tiefe Balkone sorgten ausreichend für Verschattung und in deren Balustraden wurden horizontale Schlitze eingezogen, damit die Luft zirkuliert. Viele der Treppenhäuser erhielten ‹Thermostat-Fenster› mit Lamellenverglasung. Der Name erklärt die Optik und die Funktion gleichermaßen. Die Dachterrassen sollten bewohnbar sein und regelten damit die Dachform selbstredend. Der Clou der neuen Siedlung war der urbane Stadtplan von Sir Patrick Geddes von 1925. Dieser sah eine Parzellierung vor, sprich alle Gebäude waren einzeln zu stellen. Zusätzlich gab es die Vorgabe, dass verpflichtend Grün um jedes Haus zu pflanzen sei, um die Kühlung (Luftzug, Verdunstungskälte und Verschattung) zu gewährleisten. Geschlossene Blockbebauung oder eine Verbindung von Häusern waren nicht gestattet. Jetzt, 100 Jahre später ist aus diesem Grün ein wunderbarer Baumwald zwischen den Häusern geworden, der sich als grünes Geflecht durch die Häuser und Boulevards zieht, der Schattenflächen für Picknicks generiert und der umtriebigen Stadt eine nachhaltig lebenswerte Komponente verleiht.

Diese 4.000 Häuser im Bauhaus-Stil, der auch ‹Internationaler Stil› oder ‹Klassische Moderne› genannt wird, macht die Stadt weltweit zur Bauhaus-Metropole. Seit 2003 ist das Bauhaus-Ensemble UNESCO Weltkulturerbe und lenkt damit die Aufmerksamkeit auf sich. Die damit einhergehende Erwartung, sich um den Erhalt dieses Erbes zu kümmern ruft zum einen die Denkmalschützer zum anderen auch die Immobilienspekulanten auf den Plan. Beide mit unterschiedlichen Interessenslagen.

  • Bauhaus Tel Aviv - Thermostat-Fenster ©meierei
  • Bauhaus Tel Aviv neue Weisse Stadt ©meierei
  • Bauhaus Tel Aviv alte Weisse Stadt ©meierei
  • Bauhaus Tel Aviv - neue Weisse Stadt ©meierei
  • Bauhaus Tel Aviv neue Weisse Stadt ©meierei

Form follows life

Tel Aviv entstand aus sehr pragmatischen Zwängen und wird dementsprechend auch sehr praktisch belebt. Entscheidend ist, dass die Dinge im hier und jetzt funktionieren, gut funktionieren und Platz zum Leben bleibt. Denn das Glück hängt geschichtlich bedingt an einem seidenen Faden und wer weiß was in 10 Jahren ist. Wie schon immer werden die Häuser - Bauhaus hin oder her - genutzt und den Bedürfnissen der Bewohner und der technischen Entwicklung angepasst. Im Inneren vergrößern sich Küchen und Bäder, außen hängen Klimageräte wie Parasiten an den Fassaden, Balkone werden mit Jalousien verschattet und die offen verlegte Elektrizität in den Straßen erzählt die Geschichte des Fortschrittes auf ihre eigene Weise. Die Gebäude sind einfach im Gebrauch. ‹Form follows life› könnte man sagen.

Zwar ist die allgemeine Handhabe des berühmten Welterbes nicht museal, auch nicht konservatorisch, sondern wieder einmal sehr realitätsbezogen, aber dennoch stehen rund 2.000 Gebäude unter Denkmalschutz. Dies bewirkt zum einen eine Sensibilisierung und Wertsetzung in der öffentlichen Wahrnehmung zum anderen entsteht damit auch ein gewisser kultureller Druck. Neben dem kulturellen gibt es auch einen finanziellen Druck: Viel internationales Geld fließt in die Stadt, als IT-Standort sind Arbeitsplätze geboten und damit verschieben sich auch Immobilien- und Grundstückspreise. Die Häuser der ‹Weißen Stadt› sind begehrt am Wohnungsmarkt, ‹Bauhaus› wurde ein Marketingbegriff in der Immobilienbranche mit Mehrpreisversprechen.

Wie könnte es anders sein: die Denkmalpflege geht einen pragmatischen Weg, um beiden Faktoren gerecht zu werden. Eingeteilt in Kern- und Randzone gibt es unterschiedlich strenge Auflagen für die Sanierung der ‹Weißen Stadt›. Um die Baumaßnahme wirtschaftlich zu gestalten wurde diese mit dem Verkauf von Baurechten kombiniert. Je nach Klassifizierung des Hauses kann dieses Baurecht vor Ort realisiert werden in Form von Aufbauten oder es muss bei besonders hoher Klassifizierung an anderer Stelle eingelöst werden. Von den 4.000 Bauhaus-Häusern sind rund 120 so schützenswert, dass keinerlei Dachaufbauten erlaubt sind. Im Fokus der Auflagen stehen die Fassadengestaltung und der Erhalt des Gebäudecharakters. Mit diesem liberalen Klimmzug ermöglicht der Denkmalschutz eine gewisse Refinanzierung der Sanierungsarbeiten und verhindert damit den Verfall der ‹Weißen Stadt›.

  • Bauhaus Tel Aviv neue und alte Weisse Stadt ©meierei
  • Bauhaus Tel Aviv das White City Center ©the white city center tel aviv
  • Bauhaus Tel Aviv Eingang White City Center ©the white city center
  • Bauhaus Tel Aviv Nahmani Gebäude ©meierei
  • Open for Rennovation Bauhaus Tel Aviv ©meierei

    li Architektin Sharon Golan Yaron | mi Innenarchitektin Dorothee Maier / meierei | re Architektin Sabrina Cegla

Ein Denkmal - das White City Center

Ein Gebäude, das der höchsten Klassifizierung angehört, entwickelt derzeit ein Alleinstellungsmerkmal in der Reihe der Bauhaus-Perlen: Im Max-Liebling-Haus in der Idelson Street 29 wird das White City Center am 19.09.2019 im Rahmen der Feierlichkeiten zum 100.Gründungsjubiläum des Bauhauses eröffnet. Damit erhält die ‹Weiße Stadt› ein Kompetenzzentrum für Architektur, Stadtentwicklung und Denkmalpflege – ein deutsch-israelisches Netzwerkprojekt.

«Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) unterstützt mit dem Projekt ‹Zentrum Weiße Stadt Tel Aviv› den Aufbau eines Zentrums für denkmalgerechtes Bauen und Sanieren und unterstreicht damit die gemeinsame historische und baukulturelle Bedeutung der ‹Weißen Stadt› für Deutschland und Israel. Aus dem Max-Liebling-Haus, 1936 nach Entwürfen des Architekten Dov Karmi von Max und Tony Liebling gebaut, dass die Stadt Tel Aviv dem bilateralen Projekt zur Verfügung gestellt hat, wird ein Denkmalschutz- und Architekturzentrum hervorgehen. Hier werden künftig Hausbewohner und Hausbesitzer für den Umgang mit ‹ihrem› Denkmal sensibilisiert. Hier können sich Besucher, Wissenschaftler, Architekten und Handwerker austauschen. Hier wird die Nachbarschaft einen Treffpunkt erhalten, hier wird diskutiert, geforscht und in Workshops altes Handwerkswissen neu vermittelt.»
Zitat https://www.whitecitycenter.org/mehr-lesen-1 (Online 17.06.2019)

Den offiziellen Startschuss für den Umbau gab im Herbst 2017 die breit angelegte Kampagne ‹Open for Renovation›. Das Haus sollte von Anfang an Pulsgeber sein und Menschen für die Sache begeistern. Zwei der treibenden Kräfte im White City Center sind die Architektinnen Sharon Golan Yaron (Mitarbeiterin der Denkmalbehörde) und Sabrina Cegla (Kuratorin am White City Center). Sie haben den Erhalt des Bauhaus-Erbes in Tel Aviv zu ihrer Mission gemacht. Im Zuge der Kampagne fanden in der Zwischenzeit viele bilaterale Workshops zum Transfer von Know-How und handwerklichen Fähigkeiten statt. Ein reger Austausch mit deutschen Firmen und Handwerkern begleitet die Sanierungsarbeiten am Gebäude. Auch Vorträge mit internationalen Gästen unterstützten die Öffentlichkeitsarbeit. Mit dem Beitrag ‹The disappearance of living› der Innenarchitektin Dorothee Maier wurde das Thema des modernen Wohnens präsentiert und damit auch die Farben von Le Corbusier. Denn was liegt näher, den Gebäuden dieser Zeit auch die Farben dieser Zeit an die Seite zu stellen. Noch immer überrascht es zu Zuhörer, dass Le Corbusier ein echter Farbenfreund war und seine Polychromie Architecturale als harmonisch abgestimmter Bausatz für Farbe und Emotion funktioniert.

Als Architekturpilger in Tel Aviv ist man ebenfalls überrascht, denn die ‹Weiße Stadt› ist gar nicht so weiß wie ihr Ruf. Das Weiß der Bauhaus-Gebäude trägt oft eine oder mehrere Farben und diese stehen den Gebäuden sehr gut an!

 


Lebenslauf von Dorothee Maier | meierei


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