header-journal-Modulor ©FLC-ADAGP-Paul-Kozlowski

Der Modulor: Menschennähe als Grundwert

Der Modulor – eine wiederkehrende Silhouette in Le Corbusiers Kunst und Bauten mit breiten Schultern und schmaler Taille. Eine stolze menschliche Figur, die einen Arm nach oben streckt und als universelles Proportionsschema gedacht, die menschlichen Bedürfnisse in den Mittelpunkt von Design und Architektur stellt.

Dinge, die in einem angenehmen Verhältnis zueinanderstehen, sind für das Auge wohltuend. Der Modulor wurde entwickelt um die menschliche Form, Architektur und Schönheit in einem einzigen System zu vereinen. Während der Modulor und seine praktischen Anwendungen Gegenstand einer zweibändigen Reihe von Büchern Modulor I (1948) und Modulor II (1955) sind, beschrieb Le Corbusier dies kurz und bündig als «ein auf Mathematik und dem menschlichen Maßstab basierendes Maß, eine Doppelserie der Zahlen, der roten Reihe und des Blaus.» Das farbenfrohe Messsystem von Le Corbusier basiert auf den Abmessungen eines ‹idealen Mannes›. Quellen zufolge, der ‹gutaussehende Polizist› wie in englischen Kriminalromanen beschrieben, die Le Corbusier mochte. Er ging von einer angenommenen Standardgröße des menschlichen Körpers aus und markierte drei Intervalle, die zueinander in den ungefähren Proportionen des Goldenen Schnittes1 stehen. Der Modulor stellt den bedeutendsten modernen Versuch dar, der Architektur eine am Maß des Menschen orientierte mathematische Ordnung zu geben. Er steht damit in der Tradition von Vitruv2. Der Grundgedanke: harmonische Proportionen und eine Gestaltungsphilosophie verkörpern, wonach sich Gebäude aus den menschlichen Bedürfnissen der Bewohner heraus ergeben. Auch der bekannt Professor Albert Einstein war von den Berechnungen und dem Modulor-Model angetan. Er meinte der Modulor sei eine Sprache der Proportion, die das Gute einfach und das Schlechte schwer mache.


«Es ist eine Sprache der Proportionen, die das Schlechte schwer und das Gute einfach macht.»

 

 

- Prof. Dr. h. c. Albert Einstein -


Die Modulor-Maße oder das menschliche Proportionssystem

Die Modulor-Maße sind Maße mit einer Körperlichkeit. Auf seinen Reisen sah Le Corbusier Bauten der Griechen, Ägypter und anderer vorzeitlichen und hochentwickelten Zivilisationen. Wo früher die Elle oder der Fuß als Maßeinheit galten und vom Dezimalsystem abgelöst wurden, so bringt der Modulor eben diese Körperlichkeit zurück in die Architektur. Le Corbusiers Faszination für Proportionen und mathematische Harmonien vertiefte sich mit der Zeit immer stärker. Während Le Corbusier das metrische System anerkannte, bedauerte er den Verlust der menschlichen Verbindung, die die Grundlage des imperialen Fuß- und Zollsystems bildet. Im 1923 erschienen Buch ‹Vers Une Architecture›, erklärt Le Corbusier: «Geometrie ist die Sprache des Menschen», und die enthaltenen Regelmäßigkeiten wie der Goldene Schnitt, seien an der Wurzel menschlicher Aktivitäten. Mit dem Modulor Maßsystem gelang es Le Corbusier, die Körpermaße des Menschen mit dem auf dem Fuß basierende angelsächsische Maßsystem und dem metrischen Dezimalsystem zu verbinden. Begründet wurde der Modulor auf zwei Hilfsmitteln der Mathematik. Der feinsinnige Effekt durch den Goldenen Schnitt und die funktionale Ebene durch den menschlichen Körper. Der erste Modulor war 175 cm groß, der zweite von 1955 dann 183 cm. Die Maße basieren auf dem Prinzip der Fibonacci-Zahlen3, dass die Summe zweier Werte den Folgewert bestimmt. Die rote Reihe, ausgehend von 6 englischen Fuß (= 183 cm) als Körpergröße, stellt durch Reduzierung oder Verlängerung des Grundmaß im ungefähren Verhältnis des goldenen Schnitts eine Maßreihe her. Aber auch von der Bauchnabelhöhe von 113 cm kann die rote Reihe (113, 70, 43, 27 cm) abgeleitet werden. Die Stufen dieser Reihe schienen jedoch für den täglichen Gebrauch zu groß. So wurde noch die blaue Reihe, ausgehend von 2,26 m (Fingerspitze der erhobenen Hand des Modulor) gebildet. Diese Maße entstehen durch fortlaufende Teilung des Modulors nach der Fibonacci-Regel (226, 140, 86, 53 cm etc.). Jede Höhe entspricht einer menschlichen Regung ideal auf eben dieser Höhe. Als Beispiele gelten Hockerhöhe 27 cm, Stuhlhöhe 43 cm, Raumhöhe 226 cm und so weiter.



«Menschennähe, das ist der grundlegende Wert von Modulor.»

 

- Le Corbusier -


  • Der Modulor @FLC/ADAGP
  • Le Corbusier und Albert Einstein ©FLC/ADAGP
  • Der Modulor Zeichnung ©FLC/ADAGP
  • Modulor an der Unite Berlin ©Les Couleurs Suisse AG
  • Modulor Unite d'Habitation Marseille ©FLC/ADAGP

Anwendung des Modulor

Ein Beispiel für die Anwendung des Modulor findet sich im Kloster La Tourette in Éveux bei Lyon, Frankreich. Kloster Sainte-Marie de La Tourette gilt als eine der bedeutenden Bauten des Brutalismus. Das Gebäude ist von herber Schönheit. Es wurde gebaut, um eine in sich geschlossene Welt für eine Gemeinschaft stiller Mönche zu sein. Um dem einzigartigen und spezifischen Lebensstil der Mönche Rechnung zu tragen, besteht das Kloster aus einhundert Einzelzellen – jede dieser Zellen hat eine Raumhöhe von 226 cm und eine Breite von 183 cm - einer Gemeinschaftsbibliothek, einem Speisesaal, einem Dachkloster, einer Kirche und einem Klassenzimmer. Die ungleichmäßigen Abstände der vertikalen Betonpfosten sowie die Aufteilungen zwischen ihnen wurden nach dem modularen System der Proportionen von Le Corbusier gestaltet. Die Anwendung des Modulor respektive der Modulor-Maße fand aber auch bei der Unité d'Habitation in Marseille statt. Im Oktober 1952 wurde sie eröffnet und ist 138 Meter lang, 25 Meter breit und 56 Meter hoch. Insgesamt gibt es fünf Unités: Marseille, Rezé-les-Nantes, Briey en Forêt, Berlin-Charlottenburg und Firminy. Die Unité in Marseille ist aber die einzige, die direkt nach Le Corbusiers Plänen und komplett nach Modulor-Maßen entstanden ist. Le Corbusier bemühte sich, mit dem Bau der Unité einerseits den Wohnungsmangel nach dem zweiten Weltkrieg zu lindern und anderseits den menschlichen Anforderungen zu entsprechen. Verschiedene Einrichtungen des täglichen Bedarfs wurden mit 337 Appartements (als Maisonettewohnungen jeweils zweigeschossig) in ein Gebäude gebaut. So hat Le Corbusier private und öffentliche Räume (Geschäfte, ein kleines Hotel und eine Wäscherei neben einem Kindergarten, Freilufttheater und einer Sporthalle) gleichermaßen berücksichtigt. Geplant waren sogar ganze ‹Cité Radieuse› respektive ‹Radiant Cities›. Das Modulor Maßsystem ist in der Unité in Marseille konsequent in die Praxis umgesetzt. Die Unité ist ein typisches Beispiel für Le Corbusiers Willen nach einer Änderung der Architektur. Unter Verwendung technischer Möglichkeiten sollten bessere Lebensbedingungen geschaffen werden und diese «vertikale Stadt» war für Ihn genau dieser Ausdruck. Der Mensch steht mit dem Modulor nicht nur funktional im Mittelpunkt, er wird auch zum Maßstab aller Dinge. Weiter Beispiele für Gebäude mit oder nach der Modulor-Maßtabelle sind das Carpenter Center for Visual Arts an der Harvard University und die ‹Wohnmaschine› respektive das Corbusierhaus in Berlin. Schon neben dem Eingang zur Unité in Berlin, erwartet der Modulor als Relief aus Sichtbeton auf die Besucher und Bewohner. Der ‹Typ Berlin› wurde zwischen 1956 und 1958 errichtet, aber in dem Haus wurde nur wenig von dem verwirklicht, was Le Corbusier wollte. Beispielsweise wurde die Decke auf 260 cm angehoben – womit das Modulor-System und auch den Goldenen Schnitt umgangen wurde. Natürlich sind 230 cm für unsere heutigen Gustos eher niedrig, und die Menschheit wird stetig grösser. Kritiker des Proportionssystem Le Corbusiers erwähnen zudem, dass der weibliche Körper in der Systematik keine Rolle spielt oder dass die Maße nur schwer zu merken sind. Das ist für Jeden und Jede subjektiv, ob dies störend wirkt. Aber das immer wiederkehrende Schattenbild mit schmaler Taille und breiten Schultern hatte für Le Corbusier ein ganz einfach und doch großes Ziel – der Architektur in der damaligen Nachkriegszeit ein bisschen Menschlichkeit und objektive Ordnung zu geben.

  • Couvent Sainte Marie de la Tourette ©FLC/ADAGP - OLIVIER MARTIN-GAMBIER
  • Couvent Sainte Marie de la Tourette 2 ©FLC/ADAGP - OLIVIER MARTIN-GAMBIER
  • Unité d'Habitation Marseille ©FLC/ADAGP - Paul Kozlowski
  • Modulor Unité d'Habitation Marseille ©FLC/ADAGP - Paul Kozlowski

Der Modulor, die Zusammenfassung

Der Modulor ist ein Maß- respektive Proportionssystem, das von Le Corbusier entwickelt wurde. Der Le Corbusier Modulor besteht aus einer roten und einer blauen Reihe an Zahlen mit Meter und Zoll Bezifferung. Auf dem Goldenen Schnitt und den menschlichen Proportionen basierend, ist es ein Versuch der Architektur, ganz in der Tradition von Vitruv, ein menschliches Maß als mathematische Ordnung zu geben. Als Standardgröße wurden 183 cm (6 Fuß) angenommen, nachdem der erste Modulor nur 175 cm groß war. Von der Standardgröße ausgehend, markieren Intervalle nach der Fibonacci Regel diverse den menschlichen Bedürfnissen entsprechende Höhen. Die Maße (nur ungefähr des Goldenen Schnitt entsprechend) betragen 113 cm Bauchnabel-Höhe und 226 cm Gesamthöhe mit ausgestrecktem Arm. Die von Le Corbusier 1949 veröffentlichte Schrift ‹Der Modulor› zählt zu den bedeutendsten Schriften der Architekturgeschichte und -theorie. Anwendung findet der Modulor beispielsweise, aufgrund der deutschen Baunorm allerdings nicht ganz umgesetzt, im Corbusierhaus in Berlin. Ganz nach der Proportionslehre Corbusiers wurden nur die Unité in Marseille und der Convent la Tourette erschaffen. Zwar sind zahlreiche Gebäude Le Corbusiers mit angenehmen Proportionen erstellt aber weder die Villa Savoye noch Chandigarh sind ganz nach den Modulor Massen erbaut.

 

 

Photography Copyright
Couvent Sainte Marie de la Tourette ©FLC/ADAGP - Olivier Martin-Gambier
Unité d’habitation Marseille ©FLC/ADAGP - Paul Kozlowski
Modulor und Le Corbusier mit Albert Einstein ©FLC/ADAGP
Unite d'Habitation Berlin ©Les Couleurs Suisse AG

 

 

 

1) Der goldene Schnitt ist eine Gestaltungskomponente, welche schon in der Antike weit verbreitet war. Wenn Längen nach dem Goldenen Schnitt eingeteilt werden, wirkt das Ergebnis stets harmonisch. Dabei eine Strecke so geteilt, dass der kleinere Abschnitt zum grösseren Abschnitt im selben Verhältnis steht, wie der grössere Abschnitt zur Gesamtstrecke.

2) Vitruv ist der erste namentlich bekannte Architekturtheoretiker, der zur Zeit von Cäsar und Augustus in Rom tätig war. Für Vitruv bildete der Mensch das Mass der Architektur.

3) Die Fibonacci-Folge lässt sich unzählige Male in der Natur finden. Der Mathematiker Leonardo Fibonacci entdeckte die Folge, als er das Wachstum einer Kaninchenpopulation beobachtete. Die Folge beginnt mit der Zahl 1. Jede darauffolgende Zahl wird aus der Summe der beiden vorhergehenden Zahlen gebildet.

 


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