Artikel Farbe ist mehr als flacher Anstrich ©H.Kalthegener

Farbe ist nicht nur flacher Anstrich

Ein Gastbeitrag von Dr. HILDEGARD KALTHEGENER

Eine spannende Zusammenfassung Ihres Vortrages während der IMM Köln im Januar 2020 mit dem Thema: „Colour doesn’t have to be flat paint! Current Colour and Material Trends for the Interior 2020+“.

Gestalterischer Einsatz von Farbe muss oft den Vorwurf ertragen, die Wirkung sei kindisch-naiv und schlichtweg zu bunt. Selbst für gelungenen Einsatz von Farbe wird nicht selten eine Art "Rechtfertigung" verlangt. Designorientierte Endverbraucher sind häufig architektur-affin und haben von der klassischen Moderne, also sowohl von Bauhaus-Arbeiten wie auch von denen Le Corbusiers ein weitgehend unbuntes Klischee im Kopf. Und das ist schwarz-weiß, eventuell flankiert von ein wenig grau und beige; dazu gehören Bauten aus Beton, Glas und Stahl, Möbel mit Chrom und schwarzem Leder. Wenn dem Kunden etwas zu bunt wird, ist das selten gut. Zurückhaltende Materialfarbigkeit hingegen wird nicht nur geduldet, sondern meist geschätzt, erscheint attraktiv und bei Weitem unverfänglicher als die auch bei Architekten oft verpönten „flachen Wandfarben“. Dabei gibt es tolle kreative Zusammenstellungen von Farbe und Material, die als Beispiele für Inspiration dienen mögen. 


 

Seit einigen Jahren sind innovative Möglichkeiten für den Einsatz farbiger Materialien auf dem Vormarsch, puristisch in Kombination mit sogenannten „neutralen Farben“ oder sogar mutiger verknüpft mit weiteren Buntfarben. (Abb.1) So glänzten früher Wasserhähne in Küche und Bad fast ausschließlich in poliertem Chrom, während ein Besuch auf der letzten ISH (Weltleitmesse für Wasser, Wärme, Klima) in Frankfurt zeigte, dass mittlerweile fast alle großen Armaturenhersteller PVD-Beschichtungen in fein abgestuften Farbreihen anbieten, von Chrom und Nickel über leicht vergrautes French Gold zu sattem Gelbgold, das eher in Osteuropa und den arabischen Staaten beliebt ist. Weiter geht es mit Rosé-Gold über Bronze bis hin zu tiefem Schwarz. Und all diese Oberflächen werden wie selbstverständlich poliert, gebürstet und tuchmatt angeboten, teilweise inzwischen sogar auf größeren Objekten wie z.B. Küchenspülen. (Abb.2)

PVD steht für Physical Vapour Deposition, ein relativ neues Verfahren, bei dem Metalle im Vakuum auf Oberflächen von eher kleinen Produkten aufgedampft werden. Die Methode wurde zunächst im Maschinenbau (Abb.3) und für medizinisches Werkzeug angewendet, um z.B. Knochen- oder Zahnbohrer noch härter sowie fast völlig verschleiß- und abriebfrei zu machen. Die Haltbarkeit ist extrem, es blättert nichts ab. Metalle in allen Farben und selbst Oberflächen mit Regenbogenverläufen werden so hergestellt. Das Verfahren ist dekorativ und hochfunktional, leider noch relativ teuer im Hinblick auf den Einsatz im Interieur, aber im Vergleich zu Edelmetallen wie Gold und Platin günstig, wenn es um Juwelierarbeiten oder die Uhrenindustrie geht.

Die irisierende Regenbogen-Farbigkeit wurde bei dem britischen Designer Tom Dixon mit Glas in organischer Form zusammengebracht, und gerade diese organische Assoziation ist es, die auch im Falle des handgefertigten, Wachtelei-Rosa gesprenkelten keramischen Schüssel-Sets aus Australien fasziniert. (Abb.4)

 

  • Dr. Hildegard Kalthegener
  • Abbildung 1 : Collage Archiv Dr. H. Kalthegener: Basis Rijks Kleurenkaart von Sikkens AkzoNobel, eingefügt: Armaturen von Grohe
  • Abbildung 2 : © Grohe
  • Abbildung 3: © Oerlikon Balzers
  • Abbildung 4: © Tom Dixon | Susan Simonini

Farbe und hochwertige Zeitgeist-Statements

Noch einen Schritt weiter als PVD ging Rado, High-End-Hersteller von Schweizer Präzisionsuhren. Dort hat man über Jahre akribisch geforscht, um über die metallischen Oberflächen hinaus auch starkfarbige, extrem flache Gehäusekonstruktionen und Uhrenarmbänder komplett aus Keramik herstellen zu können. Das Ziel war außerordentlich ehrgeizig, zumal das Material bei hohen Temperaturen von ca. 1400 Grad gebrannt wird, ohne dass die Pigmente ihre Farben verändern dürfen. Die exakte Farbauswahl war sehr wichtig und insofern schien es naheliegend, dass man sich zur finalen Spezifizierung mit den Experten von Les Couleurs Suisse zusammentat. (Abb.5)

Eine Rado True Thinline kann man getrost als extrem hochwertiges Zeitgeist-Statement bezeichnen, verfügbar als limitierte Sonderedition in neun ausgewählten Farben der insgesamt 63 Nuancen umfassenden Polychromie Architecturale nach Le Corbusier. Exakt die gleichen Farben, also z.B. das Orange vif (4320S) kann der designorientierte Kunde freilich auch im Innenraum einsetzen. Sei es als keramische Wand- oder Bodenfliese, sei es als Anstrich, Möbeloberfläche oder auch als Lichtschalter. (Abb.6)

Aber auch in schwarz sind die Schalterklassiker sehr elegant, besonders wenn man sie auf farbige Wände setzt. (Abb.7 links) Und zwischen verschieden farbigen Wänden oder Räumen braucht es manchmal sogenannte Farbpausen, die aber nicht langweilig sein müssen. Trendorientiert, aber zugleich fast zeitlos würde eine Nuance um Salbei oder Eukalyptus genau diesen Zweck erfüllen. (Abb.7 rechts) Ruhig, aber nicht langweilig, relativ neutral, aber nicht unpersönlich. Salbei, ein leicht vergrautes Zartgrün wurde von einem großen internationalen Chemiekonzern als Farbe des Jahres 2020 definiert, tauchte ebenso in klassischem Zusammenhang auf. Und zwar wurde anlässlich seines 200 Geburtstages im vergangenen Jahr der meist verkaufte und wohl bekannteste Kaffeehausstuhl der Welt, ein Designklassiker von Thonet, in Form von vier Two-Tone-Varianten neu aufgelegt. Eine davon ist ein mattes Salbei in der Kombination mit blond gebeizter Buche und dem sogenannten Wiener Geflecht als Sitzfläche.

 

  • Abbildung 5 : © Rado
  • Abbildung 6 : ©Manufakt | Jung | Gigacer | Rado
  • Abbildung 7 : © Gisbert Pöppler

Neue Effekte dank Farb- und Materialkombinationen

Wiener Geflecht oder Cane Webbing, wie es auf englisch heißt, besteht meist aus einer Art Peddigrohr- oder Rattangewebe, die Basis ist ein natürliches und relativ schnell nachwachsendes Material. Es taugt nicht nur für Möbel, sondern sogar als hochaufgelöste Fotocollage zur anspruchsvollen Wandgestaltung. (Abb.8) Die warmen Materialnuancen können wunderbar als Ausgleich zu aktuellen Pfauenfarben aus dem kühlen Quadranten des Farbenkreises fungieren und verbinden geschickt Tradition mit Trend. Besonders bemerkenswert, dass Spezialisten das Materialgewebe sogar restaurieren können, wobei sich manchmal ganz neue Effekte in der Farb- und Materialkombination ergeben. (Abb.9)

Das Rohrgeflecht war bereits für Le Corbusier ein interessantes Thema. Und zwar im Zusammenhang mit Chandigarh, einer Planstadt in Nordindien, für die der große Meister zusammen mit seinem Cousin Pierre Jeanneret den gesamten Stadtplan inclusive Regierungsviertel und Möblierung fast alles selbst entwickelt hat. Die Möbel der Regierungsbauten wurden von P. Jeanneret vor Ort entworfen und sind zum großen Teil fest im Raum verschraubt. Einzelne Originale tauchen heute in Auktionen auf und passen sogar ins moderne Ambiente bekannter Influencer. (Abb.10) Günstiger wäre es natürlich, die Möbel in Form von lizensierten Neuauflagen zu erwerben, die in höchster Qualität im Sinne der beiden berühmten Cousins seit 1960 von der italienischen High-End-Möbel-Firma Cassina hergestellt werden. 

  • Abbildung 8 : © XLNL
  • Abbildung 9 : Matthias Gaetiens
  • Abbildung 10 : P! Galerie | Pierre Jeanneret
  • Abbildung 11 : ©FLC/ADAGP - Fondation Le Corbusier

Le Corbusier, Farben und Chandigarh

Le Corbusier ist den meisten Design- und Architektur-Liebhabern durch seine Möbel und seine Bauten wohlbekannt, dabei hat er über Jahrzehnte den halben Tag mit Malerei verbracht und sich intensiv mit dem Thema Farbe auseinandergesetzt. Zu Beginn seiner Karriere entstanden poetische Muster und Skizzen, völlig anders als man sie von einem der größten Vertreter der klassischen Moderne erwartet hätte. Teilweise sind sie verspielt und haben einen großen, fast romantischen Charme, als ob es zauberhafte Entwürfe für Schneekugeln von Koziol wären. (Abb.11)

In den 1950er Jahren sind die Zeichnungen schon eher rechtwinklig, aber immer noch recht kleinteilig und voller Symbolkraft. Einer der Entwürfe wurde z.B. als Wandmalerei im Gerichtshof von Chandigarh umgesetzt. (Abb.12) Und schaut man weiter in die Versammlungshalle des Parlaments, entdeckt man - ebenfalls eher atypisch für das Oeuvre des großen Architekten - einen domartigen runden Innenraum mit eigens dafür entworfenen Lampen, Möbeln und Akkustikelementen dunkel wie Gewitterwolken. Es ist eindrucksvoll und fast dramatisch, wie sich das mächtige Grau über Kopf mit Gelb und Rot zu größtmöglichem Bunt-Unbunt-Kontrast zusammenfügt. (Abb. 13) Bemerkenswert ist auch der Haupteingang des Gebäudes: Die emaillierte Stahltür wurde von LC entworfen, in Frankreich angefertigt und nicht nur für die 1950er spektakulär - nach Indien eingeflogen. Wichtig und auffällig ist dabei das leuchtende Gelb, das im Hinduismus für die Gottheiten Vishnu und Krishna steht. Diese tragen gelbe Kleidung und symbolisieren so Wissen, Kompetenz und geistige Entwicklung. Logisch, dass diese kräftige gelbe Nuance, wenn auch als Letzte von insgesamt 63 Farben, den Einzug in Corbusiers Kollektionserweiterung von 1959 gefunden hat. (Abb.14)

  • Abbildung 12 : © FLC/ADAGP | Manuel Bougot
  • Abbildung 13 : © FLC/ADAGP | Manuel Bougot | Roberto Marcatti
  • Abbildung 14 : © Les Couleurs Suisse | Les Couleurs® Le Corbusier

Farbe ist mehr als nur flacher Anstrich

Aber sei sie auch noch so bedeutsam, wollen wir nicht in der Design-Historie stecken bleiben. Schauen wir noch kurz in Richtung Social Media, Blogger und Influencer, die ebenfalls Inspiration für unseren Umgang mit Farbe und Material bieten können. Nehmen wir z.B. eine gewisse Frau Fenty, vielen besser als Rihanna bekannt. Mit großer Treffsicherheit und Präzision hat sie für die Kosmetikindustrie 40 bis 50 Nuancen im Bereich MakeUp zunächst für Dior, dann für ihr eigenes Label Fenty, eingeführt und so unzählige Kundeninnen für feinste Farbunterschiede sensibilisiert. Es blieb nicht lange bei MakeUP. Rihanna kreierte wenig später erfolgreich Fashion und LifeStyle-Accessoires wie z.B. Sonnenbrillen für Dior und Fenty, beides übrigens Töchter des französischen Luxusgüterkonzern LVMH. Hier gibt es Modelle, deren konstruktivistische Form an Laszlo Moholy-Nagy und Bauhaus erinnern und durch die dichroitische Wirkung der Gläser aber offensichtlich perfekt ins Hier-und-Jetzt bzw. in die Zukunft passen.

  • Abbildung 15 : ©ideaworkshop Mindvalley
  • Abbildung 16 : ©ideaworkshop Mindvalley
  • Abbildung 17 : ©aesop.com
  • Abbildung 18 : ©OMA Saks Fifth Ave

Für die dichroitische, also je nach Betrachtungswinkel veränderliche zweifarbige Tiefenwirkung von Glas gibt es auch in der Architektur herausragende Beispiele. Nennen wir nur drei: das Büro von MindValley in Kuala Lumpur (Abb.15+16), den Aesop-Store Miami (Abb.17) und das berühmte Kaufhaus Saks Fifth Avenue (Abb.18), gegenüber vom Rockefeller Center in N.Y.C.. Die Leitung der viel beachteten Renovierung des Kaufhaus-Emporiums oblag dem niederländischen Architekten Rem Koolhaas mit seinem Büro OMA (Office for Metropolitan Architecture). Hauptblickfang ist die Rolltreppenanlage mit intelligenten Farbeffekten, erzeugt durch eine Folienbeschichtung auf Glas, die sich als perfekter Kontrast zum historischen Ambiente fügt. Aber auch der Terrazzo-Bodenbelag dort ist ein attraktives Trend-Material, was Geschichte mit Zukunft verbindet und durch die verschiedenen Farben der Einsprengsel einen idealen Ausgangspunkt für die Gesamtfarbgestaltung bildet.

Innovative Möglichkeiten wie Farbkombinationen mit PVD-Palette oder dichroitisch-beschichtetem Effektglas und historisches Material wie Wiener Geflecht oder Terrazzo sind nur einige wenige von unzähligen Möglichkeiten, Farbe clever, gezielt und eben gar nicht naiv mit Materialeinsatz zu verbinden. Farbe ist so viel mehr als flacher Anstrich! Ihre und unsere Aufgabe bzw. Chance, kreative Lösungen zu entwickeln und dabei historisch Bewährtes durch kreative Farb- und Materialkombinationen zukunftsorientiert zu machen.

 

Text © Dr. Hildegard Kalthegener - http://www.farbstudio-kalthegener.de/

Lebenslauf Dr Hildegard Kalthegener Farbexpertin und Dozentin

 

Abbildungen und Bildrechte

Titelbild : Collage Archiv Dr. H. Kalthegener

  1. Collage Archiv Dr. H. Kalthegener: Basis Rijks Kleurenkaart von Sikkens AkzoNobel, eingefügt: Armaturen von Grohe
  2. PVD-Küchenspülen von Grohe
  3. BALINIT® CROMA von Oerlikon Balzers, Liechtenstein 2020
  4. Scent Materialism Oil Candle, Design Tom Dixon, Photo: Tomdixon.net und Keramik-Set von Susan Simonini, www.susansimonini.com
  5. True Thinline Keramik Uhr von Rado, Schweiz 2019
  6. Produktdesign-Beispiele in orange vif 4320S der Polychromie Architecturale, von Les Couleurs Suisse AG
  7. Lichtschalter von Jung in farbiger Wohnung von Architekt Gisbert Pöppler
  8. Cane Webbing (Rohrgeflecht) Tapete, by XLNL
  9. Matthias Gaetjens, www.restauratoren-hamburg.de
  10. Rohrgeflechtmöbel von Pierre Jeanneret, Photo: ©P! Galerie
  11. Ornements géométriques, Graphite pencil, gouache and black ink on laid paper Dimensions H : 0,243 m x L : 0,317 m, Not signed, not dated, 1904 Drawing FLC 1765 Paris. Photo: ©FLC/ADAGP
  12. Foto: Manuel Bougot ©FLC/ADAGP, Paris, 2019, pour l’ensemble des œuvres de Le Corbusier ; Étude pour tapisserie D – Haute cour Chandigarh (salle 4), 1954 Paris. Fondation Le Corbusier
  13. Photo: Manuel Bougot ©FLC/ADAGP, Paris, und Photo: Roberto Marcatti ©FLC/ADAGP, Inside the Punjab Legislative Assembly Hall, Chandigarh
  14. Les Couleurs Suisse AG Polychromie-Architecturale, Buch Farbstimmung Colour Atmosphere 1959
  15. Mindvalley Headquarters Kuala Lumpur, Photo: ideaworkshop
  16. Mindvalley Headquarters Kuala Lumpur, Photo: ideaworkshop
  17. Aesop Store Miami, Foto: aesop.com
  18. Saks Fifth Ave, Manhattan; 250 Mio renovation project for historic dept. store by OMA/Rem Koolhaas. Foto: OMA | Justin Bridges for Saks Fifth Avenue

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