Pavillon de L'Esprit Nouveau – Eine avantgardistische Zukunftsvision

Ursprünglich für die Pariser Art-Deco Ausstellung 1925 entworfen, wurde der Prototyp des ‹Pavillon de L’Esprit Nouveau› 1977 in Bologna wiederaufgebaut. Seit der Restaurierung Ende 2017, erstrahlt Le Corbusiers Pavillon nach 40 Jahren wieder in den Originalfarben. Der Pavillon ist Vorzeigebeispiel für standardisierte Wohneinheiten und legt, typisch für Le Corbusier, die Betonung auf die Funktion und revolutionierte somit den modernen Innenraum – eine avantgardistische Zukunftsvision in Zeiten der anschwellenden Urbanisierung.

 

Der Prozess der physischen Urbanisierung ist seit Jahrhunderten zu beobachten. Während vor 200 Jahren nur drei Prozent der Menschen in der Stadt lebten, wohnen, laut UN, seit zehn Jahren erstmals mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Ihre Prognosen setzen auf einen weiteren Anstieg mit bis zu 70% bis 2025. Um das bereits damals bekannte architektonische und demografische Problem zu lösen, entwickelte Le Corbusier, schon immer avantgardistischer Vordenker, die höchst umstrittene Bauplanung für Paris - dem 'Plan Voisin'. Seine Stadtvision sah Maximierung und Zuteilung von Nutzfläche in der Stadt wie Hochhäuser und Parkanlagen vor, ein ‹Plan für eine moderne Stadt von 3.000.000 Einwohnern›. Diesen Plan präsentierte er 1925 auf der Pariser Weltausstellung 'Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes' neben dem Prototyp einer Wohneinheit der ‹Immeubles Villas› welche für den Plan Voisin angedacht waren. Der ausgestellte Pavillon sollte das Potenzial für die Standardisierung von Wohnhäusern mit industriell gefertigten Materialien veranschaulichen, stieß bei den Veranstaltern jedoch auf Ablehnung und wurde unter einem hohen Sichtschutz verborgen. Nur der Minister der Schönen Künste konnte die Organisatoren vor der Eröffnung zum Ablass dessen bewegen.


«Der Pavillon war […] fertig, aber sein Äußeres schockierte, und jedem fiel natürlich das Äußere auf, ohne sich die Mühe zu machen, das Innere zu sehen. »

 

- Le Corbusier -


 

Im ersten Band seines Oeuvre complète erklärt Le Corbusier den Zusammenhang zwischen Urbanisierung und seinem Prototyp: «Ich wollte […] demonstrieren, dass diese behaglichen und eleganten Wohneinheiten, diese praktischen Maschinen zum Wohnen, in langen, hohen Wohnblocks agglomeriert werden können. Der ‹Pavillon de l'Esprit Nouveau› wurde dementsprechend als typische Zelle in einem solchen Mehrfamilienhausblock konzipiert. Es bestand aus einer Mindestwohnung mit eigener Dachterrasse. […] Im Jahr 1929 wurde im Rückblick festgestellt, dass der ‹Pavillon de l'Esprit Nouveau› einen Wendepunkt in der Gestaltung moderner Innenräume und einen Meilenstein in der Entwicklung der Architektur darstellt.»

 

 

  • Pavillon L´Esprit Nouveau, Bologna ©FLC/ansa
  • Pavillon L´Esprit Nouveau, Bologna ©FLC/ansa
  • Pavillon L´Esprit Nouveau, Bologna ©FLC/ansa
  • Pavillon L´Esprit Nouveau Le Corbusier Sketch ©FLC

Der Architekt gab den Pavillon den Namen der Pariser Zeitung L’Esprit Nouveau, welche er mit Amédée Ozenfant zwischen 1920 und 1925 herausbrachte. Diese avantgardistische Zeitung beschäftigte sich mit Kunst und Literatur, Architektur und Wissenschaft. Er präsentierte eine ganze Reihe von neuen Typen für die Architektur, die «die Frucht eines Geistes waren, der sich mit den Problemen der Zukunft beschäftigte», so Le Corbusier. So auch dem Hochhaus aus modularen Wohneinheiten – einer frühen corbusischen Wohnmaschine. Le Corbusier revolutionierte moderne Innenräume durch die Betonung deren jeweiligen Funktion. Er verwendete fest eingebaute Möbel wie Schränke, Regale und Kommoden, um das Maximum eines kleinen Raumes auszunutzen. Doch seine Ideen, zu visionär für seine Zeit, wurden zunächst nicht weiterverfolgt.

Um das ungleichmäßige Wachstum der Vororte von Bologna zu bewältigen wurde die Stadtverwaltung 1955 mit einem neuen Regulierungsplan ausgestattet, an dem auch Le Corbusier hätte beteiligt sein sollen. 1963 nahm er den Auftrag an ein religiöses Zentrum für die Stadt zu planen, welches jedoch nie realisiert wurde. 1977, auf der internationalen Messe im Bausektor – SAIE – wurde die Problematik von Architektur und Urbanität in ihrer Beziehung zu dem damaligen Industrialisierungsprozess diskutiert. Das zentrale Thema der Konferenz befasste sich mit dem Dualismus zwischen Architekturprodukt und Automatisierungsprozessen und Produktion in großem Maßstab, zwei der besonderen Aspekte des Pavillon de L’Esprit Nouveau. Anlässlich der SAIE schlugen die Architektenbrüder Giuliano und Glauco Gresleri, sowie José Oubrerie einen Wiederaufbau des prototypischen Hauses vor. Die drei Architekten erschufen mithilfe eines Teams von Architekten und Technikern der Fondation Le Corbusier und der Baufirma Grandi Lavori eine originalgetreue Nachbildung des Pariser Pavillons. So wurde auch der kreisrunde Ausschnitt des Daches übernommen durch den ein Baum wächst. Zur Zeit der Präsentation 1925, musste Le Corbusier Flexibilität beweisen und passte seine Architektur den Umständen des Gebiets an, denn der Baum der auf der zugewiesenen Parzelle stand, durfte nicht abgeschlagen werden.

 

Rundgang durch Le Corbusiers architektonische Farbgestaltung

 

  • Pavillon L´Esprit Nouveau ©Les Couleurs Suisse
  • Pavillon L´Esprit Nouveau ©Les Couleurs Suisse
  • Pavillon L´Esprit Nouveau ©Les Couleurs Suisse
  • Pavillon L´Esprit Nouveau ©Les Couleurs Suisse
  • Pavillon L´Esprit Nouveau ©Les Couleurs Suisse
  • Pavillon L´Esprit Nouveau ©Les Couleurs Suisse
  • Pavillon L´Esprit Nouveau ©Les Couleurs Suisse
  • Pavillon L´Esprit Nouveau ©Les Couleurs Suisse
  • Pavillon L´Esprit Nouveau ©FLC
  • Pavillon L´Esprit Nouveau ©Les Couleurs Suisse

 

Der Bologna-Pavillon ist völlig identisch mit dem Pariser Pavillon, sowohl in der Architektur als auch in den Innenräumen: Einer Wohneinheit und einer runden Einheit für Projektausstellungen, dem ‹Diorama›. Auf der Ost-Seite, gleich neben dem Eingang zieren die übergroßen grafischen Lettern EN (für ‹Esprit Nouveau›) das Gebäude. Der Pavillon ist ganz nach Le Corbusiers Ideal geformt: ein flexibler Raum, der stark durch das Eindringen von Licht und Luft - zwei Grundelementen -, einer logischen Anordnung der Möbel und Unterteilung durch Farbe geprägt ist.

Lichtdurchflutet präsentiert sich das große Wohnzimmer mit doppelter Höhe und einer ganzflächigen Glasseite im Süden. Eine Treppe ermöglicht den Aufstieg zu den Räumlichkeiten im ersten Stock und der Galerie über dem Wohnzimmer. Die weißen Bodenkacheln vergrößern den Raum optisch, was durch die Deckenfarbe im vorderen Bereich, direkt unter der Galerie, verstärkt wird: ein helles 4320N bleu céruléen 59 lässt die Decke in die Ferne gerückt und luftig erscheinen. Im Raum finden sich weitere Farbtöne aus Le Corbusiers Polychromie Architecturale: Das 32001 blanc dominiert zwar das Wohnzimmer, doch an der Seite zur Loggia hin festigt das 32120 terre sienne brûlée 31 die Wand, welche durch ein Fester unterbrochen wird. Um das Fenster optisch nach unten zu verlängern wählte Le Corbusier für die Heizung und dahinterliegender Wand das gleiche helle Blau wie an der Decke des Vorsprungs. Diese Farbe setzt sich an der Decke über der Treppe fort. Weitere Seitenwände finden sich in 32052 vert clair oder 32111 l´ocre rouge moyen. Der Blickfang der zentralen Terrasse ist der große Baum, der durch das Auge im Dach hervortritt und den dialektischen Austausch zwischen Innen und Außen veranschaulicht. Die dominierende Farbe der Wände, das blanc, ist, wie im Wohnzimmer, nur auf einer Seite vorherrschend. Die Wände, die zum Wohnzimmer liegen sowie die festinstallierte Bank aus Beton greifen den Ton 32120 terre sienne brûlée 31 aus dem ersten Zimmer auf und haben hier ebenfalls eine fixierende Wirkung. Darauf fallendes Sonnenlicht lässt den Farbton warm wirken und zeichnet kontrastreiche Schatten. Der Sichtschutz an der Brüstung ist abwechselnd in 4320N bleu céruléen 59 und 32060 ocre koloriert. Schreitet man über die Loggia zum anderen Ende, gelangt man in das zweigeschossige Diorama. Hier finden sich das blanc, ocre, dunkle Umbra und helles Rotocker wieder, welche Säulen, die Treppe und weitere Elemente im Raum fixieren und unterteilen. Die Fensterbänder gleich unter der Decke sind durch die Biegung der Wände ein architektonischer Hingucker und Lichtquelle des Dioramas. Im zweiten Stock des Pavillons gelangt man zu den Zimmern und der Galerie über dem Wohnzimmer. Hier ist die interne Verteilung durch die Verwendung verschiedener architektonischer Farben gekennzeichnet. So werden Bereiche unterteilt ohne Trennwände oder Türen zu verwenden, denn Le Corbusier setzte einen seiner Schwerpunkte auf die offene Fläche, die maximal genutzt werden sollte. So finden sich Wände und Heizungselemente sowie Türen und eine weitere festinstallierte, geschwungene Beton-Bank in Farben wie dem coelinblau, blanc und hellem Rotocker. Interessant ist, dass im gesamten Gebäude verschiedene Arten von Bodenbeläge ausgelegt sind, welche unifarben, das architektonische Farbkonzept des Pavillons komplementieren.

 

Le Corbusiers Pavillon erfüllt 4 der ‹Fünf Punkte einer neuen Architektur›. So ermöglicht der freie Grundriss eine flexible Nutzung der Räume, die freie Fassade bringt durch ihre offenen Flächen mehr Raum und Luftigkeit und obwohl keine charakteristische Verwendung der Horizontalfenster erfolgt, sind einige Räume mit Langfenstern versehen um das Licht optimal zu nutzen. Ursprünglich hatte Le Corbusier auch eine Dachterrasse geplant, welche in Bologna jedoch nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Wäre Le Corbusiers Vorstellung von übereinander gesetzten Modulwohnungen wahr geworden, so hätten natürlich nur die oberen Einheiten eine Dachterrasse nutzen können. Der Pavillon de L’Esprit Nouveau ist zwar keine Klassische, dafür jedoch eine einzigartige Wohnmaschine, die seriell und modular repliziert werden könnte.

Vierzig Jahre nach Einweihung wurde der Pavillon mit Mitteln der Region Emilia-Romagna und der Stadt Bologna restauriert. Die Arbeiten umfassten den Austausch des ursprünglichen Glases durch Sicherheitsglas, die Restaurierung der Metallrahmen und die Restaurierung der ursprünglichen Farben des Gebäudes. Hierfür wurden die originalen Farben aus Le Corbusiers Polychromie Architecturale verwendet. Als einer von zwei weltweit einzig lizensierten Herstellern vertreibt die Firma KEIMFARBEN die Les Couleurs® Le Corbusier Farben unter der Kollektion poLyChro®. Hier finden Sie das Händlerverzeichnis von KEIM.

 

 

Photography Copyright
©FLC / ADAGP
©Les Couleurs Suisse AG


Le Corbusiers ‹Pavillon de L'Esprit Nouveau›

Der Pavillon de L'Esprit Nouveau beherbergt jährlich mehrere Ausstellungen zu diversen Themen, welche jedoch immer mit der außergewöhnlichen Architektur komplementieren. Der Eintritt ist frei. Für die Führungen, welche samstags und sonntags stattfinden, ist eine vorherige Reservierung erforderlich (Tel. +39 051 6496611).

Pavillon de L'Esprit Nouveau
Piazza della Costituzione, 11
Fiera Bezirk
40128 Bologna
Italien

 


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