Breadway Bakery ©Mikhail Loskutov

Puder Pink: Die Entwicklung vom zeitlosen Klassiker zum Trend

ein Gastbeitrag von Dr. Hildegard Kalthegener

Im Laufe der letzten Jahre, anhaltend bis heute, wurde viel über eine stark polarisierende Farbe diskutiert: die einen empfinden Puder Pink noch immer als naive Kleinmädchenfarbe, die anderen sehen sie als gegenwärtigen Ausdruck von Zeitgeist in der Innenarchitektur, der sich nicht nur im Bereich bunter Wandfarben als Wohnidee widerspiegelt. Grund genug, um die aktuelle Debatte ein wenig zu vertiefen und zu hinterfragen, ob man Millenial Pink wirklich ernst nehmen sollte.

In der historischen Farbpalette nach Le Corbusier gibt es drei Nuancen im Bereich zwischen zartem Pastellrosé und Altrosa, aber schon Jahrhunderte bzw. Jahrtausende zuvor hatten Rot bzw. Purpur bzw. Aufhellungen davon eine herausragende kulturelle Bedeutung. Purpur war die Farbe der Macht, sie wurde von Kaisern und Kardinälen getragen. Wer Asterix gelesen hat, kennt Cäsar im purpurroten Mantel. Gewonnen wurde der kostbare Farbstoff etwa seit Mitte des zweiten Jahrtausends v.Chr. aus Purpurschnecken. Und zwar benötigte man, verschiedenen Quellen folgend, Tausende dieser Tierchen, um nur ein Gramm des begehrten Farbstoffes herzustellen. Nicht ganz so aufwändig war später die Herstellung von (allerdings auch längst nicht so lichtechtem) Purpur aus Cochenille- oder Kermesläusen, mit denen man Textilien färbte, ehe seit dem 19.Jhd. fast alle Farbstoffe nach und nach chemisch herstellbar waren und somit global verfügbar wurden. Rosa war zunächst als „das kleine Rot“ beliebt für Buben, wirkte es für viele doch stärker und aktiver als die Marienfarbe Blau, die als Pastell früher eher für kleine Mädchen vorgesehen war. Geändert hat sich die geschlechtsspezifische Zuordnung der Farben um 1920, als man Puderrosa im Kontrast zu damals aufkommenden blauen Arbeitsanzügen und Marineuniformen immer häufiger für kleine Mädchen einsetzte.1

 

So ist es bis heute und bis auf weiteres geblieben. Seit einigen Jahren wird Rosa allerdings auch in verschiedenen Spielarten als marketingorientierter Blickfang eingesetzt, und es ist nicht nur die erste Präferenz für viele süße kleine Mädchen, sondern ganz allgemein eine Farbe über die man redet. Durch die gesamte Fachpresse ging z.B. der Showroom von Normann Copenhagen mit Pink Power, in dem 2017 nicht nur die Möbel, sondern auch Boden, Wände, Teppiche und Accessoires monochrom in kräftigem, aber keinesfalls Shocking Pink gestaltet waren. Inspirationen dafür war vielleicht der Hype um Wes Anderson’s Film Grand Budapest Hotel (2014) und die Sketch Gallery in London, die India Mahdavi, Architektin und Designerin aus Paris, ebenfalls bereits 2014 mit aufsehenerregenden Nuancen von Puder Pink einrichtete. Die eigens für das Cafe entwickelten Samtsessel erinnern an gezuckerten Löffelbiskuit, - ebenso wählte sie Pink für Ledersofas, Stuckdecken und Wände, die in markantem Kontrast zum schwarz-weißen und dunkelgrünen Mosaik des Marmorbodens stehen. Als metallische Ergänzung finden wir hier Messing, und an den Wänden sind dicht an dicht schwarz-weiße, fein gerahmte Skizzen auf Augenhöhe angeordnet, sodass die Quantität von Pink uns beeindruckt, aber nicht erschlägt. Millenial Pink, wie das pudrige Rosa manchmal auch genannt wird, gilt als Farbe einer ganzen Generation. Es ist weniger ein Barbie-Pink als vielmehr eine gedeckte Nuance mit einem gehörigen Schuss Beige oder New Nude (=Haut- oder Fleischfarbe), wie sie auch als CI-Farbe der schwedischen Mode- und LifeStyle-Firma Acne großen Erfolg hat. Und noch immer scheint die Beliebtheit vom Puder Pink des Jahrtausends noch immer nicht nachzulassen. Vor einigen Wochen hat Gucci im Selfridges Department Store London einen Pop-Up Shop als Millenial-Pink Paradise eröffnet, der noch bis in den Januar 2019 hinein die Kundschaft locken wird. Weit länger werden die aktuell im ukrainischen Odessa eröffnete Breadway Bakery und die Patisserie Nanan in Breslau mit Zartrosé begeistern, deren Stil im Architectural Digest bereits als Wes Anderson Style beschrieben wird.2

  • Breadway Bakery ©Mikhail Loskutov
  • London Sketch gallery ©India Mahdavi/Leandro Farina
  • Breadway Bakery ©Mikhail Loskutov
  • Breadway Bakery ©Mikhail Loskutov
  • Breadway Bakery ©Mikhail Loskutov / NANAN Patisserie ©PION Basia Kuligowska, Przemysław Nieciecki
  • Breadway Bakery ©Mikhail Loskutov
  • London Sketch gallery ©India Mahdavi/Leandro Farina
  • Casa Fayette Hotel ©Yellowtrace | Dimore Studio
  • Puder Töne aus Le Corbusiers Polychromie Architecturale ©Les Couleurs Suisse
  • ©India Mahdavi
  • ©ACNE Studios & ©PODE/Leolux

Aber Puder Pink taugt nicht nur für den öffentlichen Bereich, sondern auch für den Rückzug ins Private. Es ist, zwar selten, aber durchaus auch einmal auf der Küchenfront im Konsumbereich zu finden, ebenso wie auf dem Teppich Oona von Norman Copenhagen oder dem Sessel Scylla im Used Look von Leolux, einem kreativen HighEnd Polstermöbelhersteller aus den Niederlanden. Als Einrichtungsidee für die Raumgestaltung hat sich weiter eine abgesetzte Wand (Feature Wall) in altrosa bewährt, die in der Kombination mit einer strapazierfähigen, grauen Couch davor auch nicht allzu feminin wirken würde. Eine Wand lässt sich schnell umstreichen, reizt also für ein Experiment, aber wer sich wirklich sicher ist, investiert vielleicht sogar in einen Sessel oder ein Sofa in Millenial Pink, das sich besonders gut als Kontrast zum rauen Beton einer großzügigen Loftwohnung im Industrial Style machen würde. Während majestätisches Rot, Purpur und Bordeaux aktive Farben sind und manchmal den Raum auch einengen können, wirkt pudriges Pink leiser, zarter und eher zurückhaltend. Streicht man es jedoch voll flächig auf alle vier Wände eines Raumes, der nach Süden ausgerichtet ist, wird es vielleicht kräftiger als erwartet ins Innere des Raumes strahlen und den Nutzer nahezu umarmen, wenn nicht sogar erdrücken.


«Es ist weniger ein Barbie-Pink als vielmehr eine gedeckte Nuance mit einem gehörigen Schuss Beige oder New Nude. » 

- Dr. Hildegard Kalthegener, Farbexpertin -


 

Le Corbusier hat in die Kollektion Polychromie Architecturale mit insgesamt 63 Farben, die sich in seiner Malerei und Architektur bewährt haben, auch verschiedene Varianten von Puder Pink integriert. Ursprünglich hat der große Meister seine zeitlosen Nuancen für den Schweizer Tapetenhersteller Salubra ausgewählt, um mit den "Farben von der Rolle" auf verlässliche Standards zugreifen zu können und nicht für jedes Projekt neu überlegen, diskutieren und mischen zu müssen. Sein 32102 rose clair könnte man als zeitloses altrosa beschreiben, ein Ton von großer Aktualität bis heute, verhalten aktiv und gut kombinierbar mit Grau, mit weißen Zargen und Eichenparkett ein wahrer Klassiker. Das 32091 rose pâle ist eine Aufhellung vom 32102 rose claire, – ein ganz feines, leicht vergrautes weißliches Rosa, das sich perfekt zum Rückzug ins Zimmer kleiner und großer Mädchen eignen würde, ohne dabei auch nur im Entferntesten an Zuckerguss zu erinnern oder den Raum zu verkleinern. Das 32111 l´ocre rouge moyen enthält, wie der Name schon sagt, einen Hauch von Ocker, es ist die farbstärkste, wärmste und aktivste aus den drei hier genannten Nuancen. Im Wohnraum, in einem Hotelfoyer oder vielleicht auch in einem Klassenzimmer würde es eine starke, aussagekräftige Liaison mit Off-White und 4320U gris foncé 59 (Dunkelgrau) oder sogar mit 4320T bleu outremer foncé (Dunkelblau) eingehen. Ganz ähnlich in der Wirkung ist das Casa Fayette Hotel in Gualadajara, Mexico, ein traditionelles Hotel von 1940, das mit einem progressiven Ansatz von Dimore Studio, den Stars der Mailänder Innenarchitekten-Szene, behutsam modernisiert und aufgefrischt neu interpretiert wurde, - und zwar in Farben, die berühren. Sicher, es braucht vielleicht ein wenig Mut, eine Nuance des für den ein oder anderen zunächst ungewohnten Puderrosa in Küche, Bad, Schlaf- oder Wohnzimmer selbst einzusetzen. Die drei beschriebenen Töne sind jedoch wahre Klassiker, die nicht nur den Vintage-Look völlig neu interpretieren können und niemals langweilig werden, die Jahrzehntelang jedem Trend getrotzt haben und gerade deshalb heute, morgen und übermorgen von großer Aktualität sind und weiterhin sein werden.

 

Text © Dr.Hildegard Kalthegener

1 "Rosa war mal Jungensache"; Süddeutsche Zeitung (26.4.2012)

2 "Auf einen Kaffee mit Wes Anderson in der Breadway Bakery in Odessa"; AD | Antonia Faltermaier (31.10. 2018 )

 

 

Photography Copyright

Breadway Bakery ©Mikhail Lustokov
Sketch Gallery London ©India Mahdavi
Bisazza Fliesen und Stuhl ©India Mahdavi
NANAN Patisserie ©PION Basia Kuligowska, Przemysław Nieciecki
Casa Fayette Hotel ©Yellowtrace | Dimore Studio
Mini Bag ©ACNE Studios 
Sessel ©Leolux 


CV - Dr. Hildegard Kalthegener

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