Unité Berlin ©LesCouleursSuisseAG

Unité Berlin: Sozialwohnungen im demographischen Wandel und die Akzeptanz moderner Architekturikonen

ein Gastbeitrag von Philipp Funke

Unter Architekten stellt die Unité d’Habitation einen Meilenstein des architektonischen Denkens dar. Für viele ist der Grund dafür jedoch nicht ersichtlich. Ihnen gefällt der graue Beton nicht, die Größe des Gebäudes, die Tatsache, dass 530 Wohnungen in einem einzigen Quader untergebracht wurden. Für ein besseres Verständnis ist eine Auseinandersetzung mit der ursprünglichen Funktion im zeitlichen Kontext der Entstehung wichtig. Warum gilt das Gebäude heute noch als herausragendes Beispiel für sozialen Wohnungsbau? Wie hat sich der Bau in den letzten 60 Jahren entwickelt, warum ist seine Nutzung heutzutage fern vom Ursprungszweck und warum ist das – zumindest aus architektonischer Sicht – nicht nur schlecht?


 

Steht man unbedarft vor einer der ‹Wohnmaschinen› Le Corbusiers, ohne Hintergrundwissen, ohne gestalterische Ausbildung, ohne Kenntnis über die Absichten des Architekten und den Zeitgeist der Entstehung, drängt sich der Grund für seine Einschätzung als eines der wichtigsten Wohngebäude der Moderne nicht unbedingt auf. Vor einem türmt sich ein monströses Betonvolumen auf. Zugegeben, die farblichen Applikationen durchbrechen das monotone Betongrau – trotzdem ist der (in Berlin) über 500 Wohneinheiten umfassende Quader weit entfernt vom üblichen Eigenheimtraum. Prof. Jonas Geist definierte diesen Traum in einer meiner ersten Vorlesungen in Architekturgeschichte als «ein Einfamilienhaus, um welches man herum gehen kann, mit Garten und ohne Möglichkeit der Nachbarn über den Zaun zu blicken». Der Handwerker, dem ich bei meinem letzten Besuch in der Unité Berlin begegnete, erzählte mir, wie undenkbar die Vorstellung für ihn sein, in einem solchen Block zu wohnen. Er lebe in einem Haus am Müggelsee und führe lieber jeden Tag eine Stunde länger zur Arbeit, als so wohnen zu müssen. Die Unité d’Habitation war jedoch nie entsprechend der heutigen Nutzung als Konglomerat von Eigentumswohnungen gedacht. Ihr zugrunde lag der Gedanke eines neuartigen Wohnens, eines sozialen Umfeldes und einer Vision des Zusammenlebens.

 

  • Unité Berlin Gang ©Philipp Funke
  • Unité Berlin Gang ©Philipp Funke
  • Unité Berlin Türenübersicht ©Philipp Funke
  • Unité Berlin Aussenansicht ©LesCouleursSuisseAG

Frau Goldmann lebt seit 1998 in der Unité und realisiert kulturelle Projekte unter dem Dach der Wohnungseigentümergemeinschaft. Zum Erscheinungsbild sagt sie mir: «Besonders die Straßen (so werden die Erschließungsflure genannt) lösen häufig wegen ihrer Länge und der Wiederholung der Türen unangenehme Gefühle aus.» Die Farben durchbrechen das monotone Bild und schaffen einen Wiedererkennungswert. Trotzdem lässt die eine soziale Gleichheit fördernde optische Homogenität, schnell Assoziationen zu, die dem komfortablen Wohnen entgegenstehen. Wo also liegt die Genialität in Corbusiers Entwurf?

Die ‹Wohnmaschine› in Berlin entstand im Rahmen der Interbau 1957. Nach dem zweiten Weltkrieg lag die Stadt großenteils noch in Trümmern. Im Hansaviertel, neben dem Tiergarten, wurde ein städtebauliches Konzept entwickelt, welches sich in vielen Punkten an die Charta von Athen (1933) anlehnte. Das moderne, urbane Wohnen wurde durch eine Durchmischung von Büros, Wohnungen, Einkaufsmöglichkeiten, Gewerbe, Schulen und Grünflächen im gleichen Quartier definiert. Zudem war es wichtig, sozial verträgliche Preisstrukturen einzuhalten. Das Wirtschaftswunder stand noch in Kinderschuhen und bei weitem nicht alle hatten sich von den Einbußen des Kriegs erholt. Sozialwohnungen waren für viele die einzige Möglichkeit den Bedürfnissen entsprechenden Wohnraum beziehen zu können. Le Corbusier, der bereits beim Verfassen der Charta von Athen federführend war, wurde auch Teil der Interbau 57. Seine Unité d‘Habitation beinhaltete alles, was die moderne Stadtplanung und Architektur für ein Quartier vorgesehen hatte, in einem Gebäude. Die Ausmaße des Großvolumens machte eine Platzierung im Hansaviertel unmöglich und Le Corbusier empfand das Olympiastadion aufgrund seiner Proportionen als passend für die Nachbarschaft seines Baus. So wurde das Heilsberger Dreieck als Schauplatz für die Errichtung gewählt.

Ähnlich der Unité in Marseille sollte das Berliner Pendant vorwiegend Familienwohnungen mit 3 Zimmern erhalten. Die Berliner Bauverwaltung definierte den Bedarf aufgrund der vielen Kriegswitwen und kinderlosen Paare jedoch anders. Die Wohnungsstruktur des Hauses musste daher entsprechend angepasst werden. Auch wenn die Ladenstraße vorwiegend zu Einzimmerwohnungen umfunktioniert wurde und Arztpraxen und Büros heute ebenfalls als Wohnraum dienen, sind die räumlichen Strukturen mit wenigen Anpassungen bis heute gleichgeblieben. Was sich jedoch zumindest teilweise geändert hat, sind die sozialen Strukturen der Bewohnerschaft.

  • Wohnung in der Berliner Unité ©Philipp Funke
  • Perspektiven der Unité Berlin ©Philipp Funke ©Les Couleurs Suisse AG
  • Aussensicht der Unité Berlin ©Les Couleurs Suisse AG

Die Investorengruppe ‹Neues Heilsberger Dreieck› ermöglichte die Fertigstellung 1958. Interessierte mussten sich für die monetär geförderten Wohnungen bewerben. Wie damals üblich hatten nicht verheiratete Paare kaum eine Chance auf den Zuschlag. Die Wohnungen waren beliebt und wurden innerhalb kurzer Zeit vermietet. Die neuen Grundrisse, die an übereinander gestapelte Reihenhäuser erinnern, ermöglichten zeitgemäßes Wohnen mit allen notwendigen Infrastrukturen in unmittelbarer Nähe. Ein Luxus, der vielen anderen abseits der neuen IBA Bauten verwehrt blieb. Im Sinne des sozialen Wohnungsbaus gelang es so einem Teil der Menschen attraktive Lebensbedingungen zu ermöglichen.

In den 1960er Jahren wurde das gesamte Gebäude an die Berliner Filmproduzentin Ilse Kubaschewski verkauft. Die Wohnungen blieben weiterhin als Mietwohnungen erhalten, bis 1979 Willi Bendzko das Gebäude für 25.6 Millionen Mark erwarb. Kubaschewskis Gewinn von rund 24.6 Mio. (Kaufsumme lag bei 1 Mio. DM) wollte der als ‹Spekulant› gebrandmarkte Bendzko durch die Umwandlung der Einheiten in Eigentumswohnungen wieder erwirtschaften1. Der soziale Gedanke, welcher dem Entwurf zugrunde lag, war für Bendzko nicht von Interesse. Die Mieten waren ihm, nicht zuletzt wegen des aufkommenden Renovierungsbedarfs, zu niedrig. Mittelständische Bewohner kamen dem Kaufangebot nach, ein Teil der (eher einkommensschwachen) Mieterschaft musste jedoch das Haus verlassen. Die 530 Wohneinheiten sind zurzeit im Besitz von etwa 430 Eigentümern, von denen mehr als die Hälfte selber im Haus wohnen.

Heute beläuft sich der Mietpreis für die noch auf diesem Markt angebotenen Wohnungen in der Regel auf eine Summe über dem vom Senat ermittelten Mietspiegel. Förderungen, wie früher im sozialen Wohnungsbau, gibt es keine und die oft mit Designklassikern ausgestatteten Wohnungen entsprechen selten dem Bild der Sozialbauwohnungen in der Nachkriegszeit. Die Nachfrage für den Erwerb ist nach wie vor groß, da die immer noch bestens nutzbaren Grundrisse besonders für Leute mit Hang zum modernen Design, attraktiv ist. Zudem stellt der Besitz einer Corbusierwohnung zumindest in diesen Kreisen auch einen gewissen Status da.

  • Architektonische Ikone Unité Berlin Seitenansicht ©Philipp Funke

Man mag diese Entwicklung gespalten beurteilen. Einerseits ist es nicht von der Hand zu weisen, dass die Art, in der das Corbusierhaus heute teilweise vermarktet wird, nicht mehr dem sozialen Grundgedanken seines Ursprungs entspricht. Dies ist auch bei vielen weiteren Gebäuden sowohl der Interbau 1957 als auch der Internationalen Bauausstellungen (IBA) 1984 und 1987 festzustellen. Andererseits ist es wohl gerade die Umwandlung in Eigentumswohnungen, welche die finanziellen Mittel generiert, um das Gebäude in dem Zustand zu erhalten, in welchem es heute dasteht. Die Aufnahme auf die Denkmalliste des Landes Berlin 1995 trug ebenfalls zum Schutz des Gebäudes bei. Die Wertschätzung architektonischer Ikonen muss für deren Erhalt von entsprechenden finanziellen Mittel begleitet werden. 

Ich kann an dieser Stelle nur mutmaßen, glaube aber, dass der Handwerker vom Müggelsee wenig Verständnis aufbrächte, wenn Steuergelder in die Pflege eines solchen Gebäudes investiert würden. Daher bin ich froh, dass eine design- und kunstaffine Gemeinschaft das kulturelle Erbe der 50er bis 70er Jahre erhält. Außerdem zeigt sich hier doch auch, wie flexibel die Nutzbarkeit von Corbusiers Werk ist – sogar 61 Jahre nach seiner Eröffnung.

 

Photography Copyright Fotos
©Philipp Funke
©Les Couleurs Suisse AG 

 

 

 

1 Quelle: Karl Christian Führer – Die Stadt, das Geld und der Markt, 2016, Walter de Gruyter GmbH

(Frau Goldmann ist diplomierte Medienpädagogin und freie Fotografin. Ich danke ihr herzlich für das am 17.2.2019 geführte Gespräch. Sie ist Eigentümerin einer der ursprünglichen Form entsprechenden Wohnung und Unterhalterin der Website: www.corbusierhaus.org)

 

 

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Lebenslauf von Philipp Funke Architekturfotograf und Dipl. Ing. Architekt

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