Primärfarben nutzen

In einem Designkonzept Primärfarben einzusetzen kann oft überwältigend sein. Es ist bekannt, dass es nicht möglich ist, durch Mischen anderer Farben die 3 Pigmentfarben (Rot, Gelb und Blau) zu erhalten. Die drei Grundfarben gemischt, ergeben jedoch alle weiteren Farben und können mit zusätzlich Weiss oder Schwarz hellere oder dunklere Töne dieser Farben bilden.

Le Corbusiers architektonische Polychromie enthält 63 faszinierende Farben, abgeleitet von der Natur und dargestellt in zwei Farbkollektionen – die erste im Jahr 1931 (voll mit satten Neutraltöne und tiefen Edelsteintönen) und die zweite im Jahr 1959 (bestehend aus plakativeren Farben). Alle Farben sind fundamental architektonisch, natürlich harmonisch und können in einer Vielzahl von Kombinationen zusammengesetzt werden. Le Corbusier zögerte nicht, Primärfarben in seinen Designs zu verwenden, und so ist es nicht überraschend, dass er auch einige hochpigmentierte Farben in seine architektonische Polychromie einbezog. 32020 Bleu Outremer 31 von 1931 war eine von Le Corbusiers bevorzugten Grundfarben, oft ergänzt mit 4320A Rouge Vermillon 31 der gleichen Kollektion. Das Sonnengelb 4320W Le Jaune Vif kam in der Kollektion von 1959 hinzu und hauchte vielen von Le Corbusiers Kreationen Freude ein.  

Theoretisch stellen die Grundfarben die Basis jeder anderen Farbe dar; allerdings wissen wir, dass Farbe keine exakte Wissenschaft ist. Oft passiert beim Mischen von Farbpigmenten etwas vollkommen anderes als man erwartet: Mischt man Ultramarinblau und Kadmiumrot, ist das Ergebnis nicht etwa ein tiefes Violett, sondern stattdessen ein undefinierbares Braun.

Die Primärfarben stehen immer über jeder Farbstruktur: Sehen Sie sie als die 3 Ursprungseltern aller Zukunftsgenerationen von Farbe an. Primärfarben sind per Definition die hauptsächlich verwendeten Farben, sobald man aber Sekundär- oder Tertiärfarben hinzufügt, ist interessant, wie das Auge die Primärfarben automatisch von einer gemischten Palette extrahiert und alle Farben auf dem Farbfächer höher pigmentiert erscheinen.

Beliebt bei Architekten weltweit ist die Unité d’habitation in Marseille, gefeiert als eines der einflussreichsten brutalistischen Bauwerke aller Zeiten. Le Corbusier schloss die fröhlich wirkenden Primärfarben in unterschiedlichen Kombinationen in sein Design ein und platzierte sie neben seinen architektonischen Sonnenschutz (Brise-Soleil) sowohl auf der Fassade als auch im Innenraum von La Cité Radieuse, «die strahlende Stadt», wie Le Corbusier sie nannte. Le Corbusiers ursprünglicher Putz des multifunktionalen Gebäudes war farbig und die 3 Grundfarben sind durchweg präsent. Die 337 Wohnungen können 1600 Menschen beherbergen und der Komplex besitzt ausserdem Einkaufspassagen, ein Hotel sowie eine Dachterrasse.

Le Corbusiers Bleu Outremer 31 32020 verkörpert eine magische Farbe. Es ist ein lebendiger, inspirierender, aufmunternder und erfrischender Klassiker. Trotz der Tatsache, dass Blau die beliebteste Farbe ist, ist es überaschenderweise die am wenigsten aufkommende Farbe in der Natur (abgesehen von den Weltmeeren und Wasserflächen, welche 71% der Erdoberfläche ausmachen). Stellen Sie sich einen Wald voller blauer Krokusse oder ein Feld voll mit blauen Kornblumen vor und Sie erkennen unmittelbar die Verbindung von Blau mit der Natur. Kobaltblau wurde erst zugänglich, als man im 19. Jahrhundert begann, es synthetisch herzustellen. Die reichhaltige Basis eines Primärblautons schenkt Zeitlosigkeit und ist sehr intensiv; gleichermassen wird Ruhe und Frieden erzeugt. Umfragen haben ergeben, dass Menschen äusserst produktiv sind, wenn sie in einem blauen Raum arbeiten.

Jaune Vif 4320W ist ein fast schon heller Senf-Ocker-Ton, eine extrem vielfältige Primärfarbe, die in fast jedes Schema passt. Gelb bringt Freude, ist komplex, warm, hell und extrem architektonisch; es reflektiert und erfüllt Menschen mit Glück und Hoffnung. Gelbtöne werden als treibende Kraft für Glück gesehen – denken Sie nur an all die Emojis in unseren Social-Media-Kanälen. Die Zugabe von intensivem, hellen Gelb bei Farbkonzepten wird von den meisten Menschen begrüsst, da es das Gefühl von Wärme nährt: Selbst, wenn es nur als eine Akzentfarbe auftritt, gilt Gelb aufgrund seiner sonnigen, mental stimulierenden Effekte als Stimmungsaufheller, und sorgt für Optimismus, Spontanität und Energie.

Das weniger konventionelle Farbmodell 2 von Ewald Hering aus dem Jahr 1878 besteht aus einem vierfarbigen Primärmodell mit den Farben Rot, Gelb und Blau aus Farbmodel 1 und bezeichnet zusätzlich auch Grün als eine Primärfarbe. In gleicher Weise könnte man auch Vert 59 4320G von Le Corbusiers Kollektion aus 1959 als Primärfarbe verstehen, welche unglaublich anpassungsfähig ist und in fast alle Szenarien eingearbeitet werden kann.

Viele Menschen sind zurückhaltend im Umgang mit den Primärfarben, doch interessanterweise vertrat Le Corbusier die Meinung, dass farbige Wände das Rückgrat eines jeden signifikanten Interieurs seien. Heutzutage betrachten viele Designer und Architekten farbige Wände oft als zu klischeehaft. In vielen seiner Designs nutzte Le Corbusier Farbe, um das Volumen des Raums zu vergrössern, und um bestimmte Objekte zu betonen. Es gibt unzählige Wege, Primärfarben zu integrieren, sei es durch Colour Blocking, das Einbringen als Akzentfarbe oder die Paarung mit den jeweiligen komplementären oder supplementären Farben auf dem Farbkreis. In jeder Gestaltung ist es wichtig, eine Botschaft zu vermitteln, und zu berücksichtigen, wie der Raum genutzt wird. Denken Sie daran, wenn Sie einen Raum erschaffen, der seine eigene Identität besitzt und Emotionen hervorruft. Seien Sie inspiriert von den Primärfarben und überlegen Sie, welche Sie als nächstes integrieren wollen: Bedenken Sie, dass es sich bei allen um extrem architektonische Farben handelt, welche dementsprechend beahdelt werden müssen.

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