Farbphilosophie in Architektur und Design – Grau (Graustufen in den Klaviaturen) – Teil II

Nach der Einführung in die sieben Grautöne in Le Corbusier’s Architektonischer Polychromie im letzten Monat, möchten wir diesmal erkunden, wie Le Corbusier seine architektonischen Grautöne in die Klaviaturen integriert hat.

Mit Hilfe der zwölf Klaviaturen hat Le Corbusier neun räumliche Farbatmosphären geschaffen, jede mit drei Grundfarben (bzw. atmosphärischen Farben) und ausgewählten Kombinationsfarben. Er wählte für jede der Atmosphären einen Namen, der den polychromatischen Effekt beschreibt: Raum, Himmel, Samt I und Samt II, Mauer I und Mauer II, Sand I und Sand II sowie Landschaft. Er nannte drei weitere Farbklaviaturen Buntscheckig I, II und III.

Wir haben zuvor Le Corbusiers bewiesene Liebe zu Beton angesprochen – insbesondere in Form von Béton brut, dem unfertigen, rauen Beton, der an dunkle Wolken vor einem gewaltigen Unwetter erinnert.

In Himmel gibt es drei himmelblaue Grundfarben und unter den empfohlenen Farbkombinationen sind drei Grautöne (identisch mit jenen in Raum) aus der puristischen Kollektion von 1931. Diese Grau-Töne sind 32010 gris foncé 31, 32011 gris 31 und 32013 gris clair 31. Die beiden dunkleren Ombre-Töne in Himmel fügen dieser Atmosphäre einen zusätzlichen dramatischen Kontrast hinzu: 32140 ombre naturelle 31 besitzt sehr graue Untertöne; der Blick wird ebenfalls auf 32010 gris foncé 31 in der ersten vertikalen Spalte gelenkt. Beide Farben unterstreichen, wie wunderbar Grautöne und Ombres zusammenwirken.

Zwei der Grautöne der 1931er Kollektion dienen als Grundfarben in den Samt I und II Atmosphären: namentlich 32012 gris moyen und 32013 gris clair 31. Diese Farben als Hintergrund- bzw. Grundfarben zu sehen, rückt sie in ein völlig anderes Licht. Es sind die beiden Samt-Atmosphären, in denen die Hauptattribute von Grau sichtbar zum Vorschein kommen, die Qualitäten, die man mit der Farbe Grau verbindet - zeitlos, elegant und verlässlich. Gleichzeitig heben sich die Farbkombinationen aus Blau, Rot, Ocker, Braun und Umber von der grauen Wandfarbe ab und erzeugen insgesamt ein samtiges, harmonisches Bild.


Im Bild unten sehen wir, wie die «Brille» genutzt wird – man erkennt, wie entweder 2 oder 3 Kombinationstöne von den restlichen Farben innerhalb der Klaviatur isoliert werden und so dem Betrachter eine Farbpalette wählen lassen, ohne dabei überwältigt zu werden von den 31 Aneinanderreihungen in jeder Klaviatur. Der Betrachter kann die sogenannte «Brille» nach oben und unten bewegen und so mit den 3 festgelegten, horizontalen Grundfarben experimentieren. Die Brille ist genial, und das Arbeiten mit ihr eine spannende Übung, um Harmonien zu erkunden, die nicht immer auf den 1. Blick offensichtlich erscheinen.

Es ist interessant, wie bereits der Name «Samt» unzweifelhaft ein sanftes, luxuriöses Gefühl hervorruft, genau wie der glänzende Flor des Gewebes mit dem gleichen Namen. Dies unterstreicht wiederum die Tatsache, dass über Farbe und Textur immer zusammen nachgedacht werden sollte. Man stelle sich vor, jemand betritt den Raum in einem mittelgrauen Anzug aus Wolle: Das gesamte umliegende Licht wird von der rauen Struktur absorbiert, die dadurch stumpf erscheint und an den klassischen «Business-Look» erinnert: jemand, der keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen und sich im Hintergrund bewegen möchte – möglicherweise mit wenig Selbstbewusstsein und dem Wunsch, sich zu verstecken.

Im Gegensatz dazu stelle man sich jemanden vor, der den Raum mit dem gleichen Anzug betritt, mit gleichem Schnitt und identischer Farbe, doch diesmal aus hochwertigem Samt: Die Eigenschaften des Materials erlauben es dem Licht, zu reflektieren und den Schnitt des Anzugs zu unterstreichen, und es bringt dadurch jedes Detail zur Geltung. Eine Person, die einen Samtanzug trägt, ist vermutlich eher selbstbewusst, fühlt sich luxuriös, stark und möchte gesehen werden.

Textur und Farbe sollten beim Designprozess eines jeden Projekts immer berücksichtigt werden. Die Art und Weise, wie sich ein Raum anfühlt, ebenso wie sich eine Person in einem Raum fühlt, spielt eine wesentliche Rolle und wird von Textur und Farbe stark beeinflusst.

Wie bereits im vergangenen Monat festgestellt, variiert Grau stark in seiner Temperatur: die Bandbreite geht von kühleren zu wärmeren Graunuancen. Zum Beispiel erscheint 32013 gris clair 31 unter starkem Licht oft wie ein winterliches Weiss und kann daher ausgewaschen, steril und anonym wirken. Im Gegenteilda zu 4320U gris foncé 59, die vorletzte Farbe in der gewagteren Kollektion von 1959, die sich unter gedämpftem Licht durch schwärzliche Qualitäten auszeichnet und dabei ein selbstbewusstes, kräftiges Statement darstellt mit starker Persönlichkeit, Extravaganz und Balance.  

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